In Stuttgart brodelt die Diskussion um den Wittwer-Bau, ein markantes Beispiel der Nachkriegsmoderne, das 1967 seine Pforten öffnete. Die Debatte über einen möglichen Abriss des Gebäudes sorgt für gemischte Reaktionen unter den Bürgern. Viele empfinden eine emotionale Bindung zu diesem architektonischen Erbe, das lange Zeit einen wichtigen Platz in der Stadtgeschichte einnahm. Die Dinkelacker AG, der Eigentümer des Wittwer-Baus, plant, das Gebäude abzureißen und bis voraussichtlich 2028 neu zu bauen. Doch die Fraktionen Linke/SÖS/Plus und Grüne im Gemeinderat haben einen Antrag gestellt, um einen Teilerhalt des Gebäudes zu prüfen. Auch der Landesverband der Deutschen Architektinnen und Architekten hat bereits Aktionen und eine Ausstellung zur Geschichte des Wittwer-Baus für den Sommer angekündigt.
Die Argumente für und gegen den Abriss sind vielfältig. Während die Dinkelacker AG betont, dass das Gebäude nicht mehr den heutigen Anforderungen an Erdbebenschutz, Barrierefreiheit und Brandschutz entspricht, sieht die Initiative „Architects for Future“ in einem Abriss und Neubau eine Gefährdung der Klimaziele. Sie plädieren für eine Entwicklung im Bestand, statt die wertvolle Substanz einfach abzureißen. Auch die Grünen-Fraktion im Rathaus spricht sich für einen Teilerhalt des Gebäudes aus, was die politischen Diskussionen weiter anheizt. Bisher hat die Stadt Stuttgart noch kein zweistufiges Wettbewerbsverfahren terminiert, und ein Antrag auf Abbruch des Gebäudes wurde beim Baurechtsamt noch nicht eingereicht. Der erste Entwurf von Dinkelacker ist zudem nur eine grobe Vorstellung und entspricht nicht dem geltenden Baurecht. Diese Umstände tragen zur Verwirrung und Unsicherheit bei.
Die Wurzeln der Nachkriegsarchitektur
Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass der Wittwer-Bau in eine breitere Diskussion über die Nachkriegsarchitektur eingebettet ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag vieles in Trümmern. In vielen Städten, auch in Stuttgart, gab es akute Wohnungsnot, und Architekten suchten nach Lösungen, um den Menschen ein neues Zuhause zu bieten. Oft wurden historische Gebäude als störend empfunden, während radikale Neuanfänge propagiert wurden. In Hamburg beispielsweise startete 1956 das Bauvorhaben Neu-Altona, ein Modellprojekt für eine autogerechte Stadt, in der die Trennung von Wohnen, Arbeiten und Verkehr strikter denn je war.
Der Bauwahn der 50er-Jahre führte dazu, dass viele alte Strukturen abgerissen wurden, um Platz für neue, funktionale Gebäude zu schaffen. Kritiker bemängelten häufig den Mangel an Respekt für die Geschichte der Städte. In Hildesheim etwa wurden in den 1980er-Jahren Nachkriegsbauten abgerissen, um historische Gebäude wiederherzustellen. Dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ist auch heute noch aktuell, und der Wittwer-Bau steht im Zentrum dieser Debatte. Die Stadt Stuttgart betont, dass das geplante Wettbewerbsverfahren das geltende Baurecht berücksichtigen wird, aber die Bürger sind skeptisch und fühlen sich oft nicht gehört.
In der zeitgenössischen Architektur wird der Brutalismus, zu dem der Wittwer-Bau zählt, zunehmend geschätzt. Viele dieser Nachkriegsbauten stehen inzwischen unter Denkmalschutz und werden als bedeutende Zeitzeugen angesehen. Die Frage bleibt, ob der Wittwer-Bau Teil dieser wertvollen Erbschaft sein kann oder ob er dem modernen Zeitgeist weichen muss. So oder so, die Diskussion um den Wittwer-Bau wird die Stuttgarter Bürger noch lange beschäftigen.