Die Stadt Stuttgart und ihre Umgebung sind seit mittlerweile vier Jahren Schauplatz einer besorgniserregenden Gewaltserie. Rivalisierende Gruppen aus Esslingen und Ludwigsburg stehen einer anderen Gruppierung aus Göppingen und Stuttgart-Zuffenhausen gegenüber. Der Konflikt hat die Region fest im Griff, und die Tatorte sind über die gesamte Gegend hinweg verteilt – Stuttgart, Göppingen, Schorndorf, Esslingen, Plochingen, Reichenbach und Ludwigsburg wurden zu Brennpunkten der Auseinandersetzungen. Die Staatsanwaltschaft hat nun Anklage gegen einen 26-jährigen Mann erhoben, der in einem Imbiss einen Rivalen schwer verletzt haben soll. Ein weiterer dramatischer Vorfall – das erste dokumentierte Ereignis der Gewaltserie – ereignete sich am 20. Juli 2022 in Zuffenhausen, als aus einem fahrenden Auto heraus geschossen wurde, glücklicherweise ohne Verletzte.
Diese Eskalation der Gewalt zeigt sich auch in den Zahlen: Die Ermittler sprechen von über 319 Ermittlungsverfahren und mehr als 90 Haftbefehlen, die zu insgesamt rund 137 Jahren Haftstrafen führten. Besonders auffällig ist, dass schätzungsweise über 500 junge Menschen, vorwiegend türkischstämmige Kurden, aber auch Männer aus dem Balkan und Osteuropa, in diese losen Gruppierungen involviert sind. Die Motive sind oft territorialer Natur und entspringen Ehrverletzungen, die in gezielten Angriffen und Provokationen enden. Ein Handgranatenanschlag im Juni 2023 auf dem Altbacher Friedhof – bei dem 15 Personen verletzt wurden – hat die Wogen weiter hochgeschlagen. Verurteilungen aufgrund dieser Taten summieren sich auf über 140 Jahre Haft.
Die Justiz im Fokus
Die Justiz hat in den letzten Monaten intensiv gegen die Gewalttaten ermittelt. So wurden seit März 2023 bereits 43 Angeklagte vor Gericht gestellt, und zahlreiche Prozesse am Landgericht Stuttgart sind angelaufen. Die Lage hat sich zwar etwas beruhigt, da viele zentrale Akteure mittlerweile in Haft sind, doch die Konfliktlinien zwischen den Gruppen bestehen weiterhin. Ein weiterer Prozess gegen einen mutmaßlichen Bandenmitglied wegen versuchten Mordes steht an, und die Intensität der Taten hat zwar nachgelassen, aber das Urteil im aktuellen Imbiss-Fall bleibt vorläufig.
Ein 17-jähriger Syrer, der am 2. Oktober 2024 in einer Bar in Göppingen 15 Schüsse auf drei Männer abfeuerte, wurde zu 8 Jahren und 9 Monaten Jugendstrafe verurteilt. Tragisch ist, dass der Täter die Opfer mit Mitgliedern einer gegnerischen Bande verwechselt hatte. Solche Vorfälle sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel in dieser von Gewalt geprägten Gegend. Die Polizei und die Justiz hatten anfangs Mühe, die Strukturen und Motivationen der Täter zu verstehen, was die Aufklärung erschwert hat. Immer wieder halten sich Bandenmitglieder an ein Schweigegelübde, die sogenannte Omertà, und machen es den Ermittlern nicht leicht.
Ein gespaltenes gesellschaftliches Bild
Im Jahr 2022 wurden in Deutschland insgesamt 16 vollendete Tötungsdelikte durch Gruppierungen der organisierten Kriminalität verzeichnet. Ein Trend zu größeren kriminellen Banden ist festzustellen, und die Mittel, die diese Gruppen einsetzen, werden drastischer. In Stuttgart und Umgebung hat sich dies durch eine Vielzahl an gewalttätigen Auseinandersetzungen bemerkbar gemacht, die nicht mehr nur im Verborgenen stattfinden. Die Zahl der Verfahren gegen organisierte Kriminalität ist zwar um 8,2 Prozent gesunken, bleibt aber weiterhin über dem Niveau der Jahre von 2013 bis 2020.
Die Situation ist komplex: Die Mehrheit der Gruppierungen wird 2022 von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit dominiert, gefolgt von Personen aus der Türkei, Albanien, Polen und Italien. Der logistische und finanzielle Aufwand, um die Verfahren gegen die Bandenmitglieder zu führen, ist enorm. Mehrere Richter, Schöffen und Sicherheitskräfte sind im Einsatz, um die Gerichtsverhandlungen abzusichern und zu einem ordnungsgemäßen Ablauf zu verhelfen.
Das Leben in der Region ist von dieser Gewalt geprägt, und die Menschen fragen sich, wie es weitergehen wird. Die Konflikte scheinen tief verwurzelt und es bleibt abzuwarten, ob die Justiz der Spirale der Gewalt Einhalt gebieten kann.