Heute, am 3. Mai 2026, werfen wir einen Blick zurück auf eine Zeit, die für viele Sigmaringer unvergesslich ist. In den Jahren 1944 und 1945 besuchte der Pariser Gestapo-Chef Karl Bömelburg regelmäßig die Stadt. Margot Veigel, die als Kind in den Gasthof „Alten Fritz“, den ihre Eltern 1934 gekauft hatten, hineinschlüpfte, hat lebendige Erinnerungen an diese Zeit. Sie erinnert sich an die Besuche der Bömelburg-Familie, die, so erzählt sie, einen bleibenden Eindruck hinterließ. Besonders seine Frau, die Margot als „rassig und mollig“ beschreibt, war für die Kinder eine Art Kuriosität.
Die Zeit war für Margot und ihre Familie voller Widersprüche. Ihr Vater, Wilhelm Gmeiner, war ein Anti-Nazi, profitierte aber zugleich von den Besatzungszeiten, indem er seine Schafsherde an die hungrigen Nazis verkaufte. Die SS-Männer, die in großer Zahl in Sigmaringen eintrafen, brachten Geschenke für die Kinder mit und schufen eine merkwürdige, aber faszinierende Atmosphäre. Es war eine Zeit der Belebung, in der bis zu 2000 Franzosen in die Stadt kamen. Für das Kind Margot war das alles aufregend, fast wie ein Abenteuer.
Erinnerungen an die Nachkriegszeit
Doch die Nachkriegsjahre brachten ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Marokkanische Soldaten, die nach dem Krieg in die Stadt kamen, sorgten für Unruhe. Margot erzählt von den Zeiten, in denen sie mit diesen Soldaten Hühner stahl – eine kleine Rebellion, wenn man so will. Die Soldaten waren nicht zimperlich, spuckten sogar in das Essen der französischen Offiziere, die versuchten, die Ordnung wiederherzustellen. Es war ein ständiges Auf und Ab, und viele Frauen in Sigmaringen hatten es in dieser Zeit nicht leicht.
Als die Eltern von Margot Ende der 1950er-Jahre starben, war das ein schwerer Schlag. Der „Alte Fritz“ wurde verkauft, doch Margot und ihre Schwester Anneliese hielten die Tradition aufrecht, indem sie eine Weinstube und ein Gästehaus leiteten. Diese Zeit war geprägt von harter Arbeit und dem Versuch, das Erbe ihrer Eltern zu bewahren. 1975 trat Margot in eine neue Lebensphase ein, als sie ihren zweiten Mann, Herbert, heiratete. Anneliese betrieb das Gästehaus bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 2012 mit ihrer Tochter Cornelia Keller. An dieser Stelle steht heute ein neues Mehrfamilienhaus, in dem Cornelia noch immer lebt.
Die politische Lage in Sigmaringen
In diesen Jahren war Sigmaringen auch ein politischer Knotenpunkt. Die Commission gouvernementale, die hier von den Achsenmächten eingerichtet wurde, war ein Sammelpunkt für Kollaborateure, Journalisten und Schriftsteller. Jean Luchaire gründete im Oktober 1944 die Tageszeitung „La France“, die bis zum 13. März 1945 erschien und sich an die Exilanten richtete. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der sich viele Menschen mit ihrer Rolle in der Geschichte auseinandersetzen mussten.
Die Kommission verfügte sogar über einen eigenen Radiosender und stellte die offizielle Presse. In dieser Enklave lebten etwa 6000 Menschen, darunter viele französische SS-Leute und Zwangsarbeiter. Es war ein Mikrokosmos, der die Spannungen und den Wandel der Zeit widerspiegelte. Inmitten all dieser politischen Turbulenzen und menschlichen Schicksale blühte das Leben in Sigmaringen. Die Erinnerungen von Margot Veigel sind ein wertvoller Teil dieser Geschichte – lebendig, vielschichtig und voller Emotionen.