Die Kinzigtalbahn steht für eine Weile still – vom 28. August bis zum 26. Oktober wird die Strecke zwischen Freudenstadt und Schiltach komplett gesperrt. Der Grund ist ein ehrgeiziges Projekt der Deutschen Bahn, bei dem gleich drei Brücken abgerissen und neu gebaut werden. Auch ein Felshang wird saniert. Klingt nach einer Menge Arbeit, oder? Aber wie so oft gibt es dabei auch eine Kehrseite.
Die ersten Schritte sind bereits getan: An beiden Brückenrampen der Eisenbahnüberführung über die Kinzig wurden Sträucher und Gestrüpp entfernt. Ein bisschen schade, denn damit wird der Lebensraum für allerlei tierisches Getier – Vögel, Kleintiere, Reptilien und Insekten – beeinträchtigt. Aber die Deutsche Bahn hat sich etwas einfallen lassen, um diese Verluste auszugleichen. Am Bahndamm bei der Wiedmenstraße wurden neue Lebensräume geschaffen. Gestrüpp wurde aufgeschichtet und Steinhaufen errichtet, die als Unterschlupf dienen sollen. Nistkästen für Vögel hängen ebenfalls an den Bäumen – ein kleines Trostpflaster für die gefiederten Freunde.
Ein Kritiker meldet sich zu Wort
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. Der Anwohner Hans Kappus äußert Bedenken hinsichtlich der Ausgaben für diese Ausgleichsmaßnahmen, insbesondere weil sie in der Nähe von Wohnbauflächen stattfinden. Er fragt sich, ob die finanziellen Mittel nicht besser anderswo eingesetzt werden könnten. Die Deutsche Bahn hingegen hält fest, dass sie zur Schaffung von Ausgleichsflächen verpflichtet ist und umweltschonende Ansätze eine hohe Priorität haben. Das klingt ja alles ganz nett, aber ob das die Anwohner wirklich beruhigt?
Revierförster Holger Wöhrle sieht das etwas optimistischer. Er bestätigt, dass Bahndämme wertvolle Rückzugsgebiete für Reptilien sind und dass die neuen Ausgleichsflächen durchaus von Tieren besiedelt werden könnten. Manchmal ist es ja auch eine Frage des Blickwinkels, oder? Bürgermeister Bernd Heinzelmann spricht ebenfalls über die Lage: Das Grundstück ist Bauland und die Gemeinde hat nur noch wenige Baufenster. Mit anderen Worten, die Zeit drängt.
Ein Blick auf die Zahlen
Und während sich die Bauarbeiten und die Diskussionen um die Ausgleichsmaßnahmen entfalten, werfen wir einen Blick über die Schulter. Im Jahr 2023 wurden insgesamt 871 Projekte und 7.067 Kompensationsmaßnahmen im Fachinformationssystem Naturschutz und Kompensation (FINK) neu dokumentiert. Unter diesen sind 3.393 Maßnahmen zum Artenschutz. Von 2014 bis 2023 summiert sich das auf beeindruckende 9.198 Projekte mit über 60.000 Kompensationsmaßnahmen. Na, wenn das nicht ein Zeichen für das Engagement der Deutschen Bahn ist!
Einige dieser Maßnahmen, wie die Umwandlung des Kiefernwaldes bei Pfungstadt in einen klimastabilen Mischwald, zeigen, dass auch größere Umweltprojekte am Horizont stehen. Die Ökoagentur Hessen hat sich sogar das Ziel gesetzt, bis 2030 mehr als 100.000 neue standortheimische Bäume und Sträucher zu pflanzen. Bis Ende 2023 wurden bereits über 32.000 Laubbäume und Sträucher gepflanzt. Da kann man nur hoffen, dass diese Projekte auch erfolgreich sind und wir noch viele grüne Rückzugsorte für unsere heimische Fauna schaffen können.
Die Erneuerung der Brücken wird zwar als Belastung für die Nutzer des Nahverkehrs angesehen, doch könnte sie auch die Zukunft der Strecke sichern. Vielleicht ermöglicht sie sogar den Wiederaufbau des Güterverkehrs. In einer Zeit, in der nachhaltige Mobilität immer wichtiger wird, bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Und vielleicht – just maybe – finden die Tiere und die Menschen bald einen gemeinsamen Nenner.